Die Karte meiner Träume von Reif Larsen.
Was denkt man, hält man ein Buch in den Händen, das schon beim oberflächlichen Durchblättern auffällt durch Randskizzen und Zeichnungen, unendlich an der Zahl? Man wird neugierig.
Die ersten Zeilen erscheinen ein wenig rätselhaft: ein Anruf, ein Spatz, der gegen ein Fenster fliegt, ein Spatzenskelett und die Erklärung, wie der Protagonist zu seinem etwas absonderlichen zweiten Vornamen kam. Sein erster Vorname ist der eines nordamerikanischen Indianeranführers, der die Vertreibung und Vernichtung der Indianer nicht aufhalten konnte. Tecumseh Sparrow Spivet (kurz T.S. genannt) ist ein einsames Kind in einer merkwürdigen Familie in Montana. Die Eltern, ein wortkarger Cowboy und eine fast obsessive und doch ernüchterte Wissenschaftlerin, leben in gegenseitiger Distanz zueinander und ihren Kindern.
Der rote Faden, der Tecumsehs Leben durchzieht, ist die Begabung zu zeichnen. Er zeichnet fast manisch Flusssysteme, Grundrisse, familiäre Interaktionen, Schienennetze oder den Whiskeykonsum seines Vaters. Mir scheint er ein hochbegabter Autist, ein Autodidakt, der sich weniger mit seinen Mitmenschen als mit zu zeichnenden Sachen beschäftigt, weil er sich unterbewusst unter einem Trauma duckt. Tecumseh heißt in der Sprache der Shawnee „der sich niederduckende Löwe“ und T.S. duckt sich vor dem Leben weg und dennoch versucht er, es in Diagrammen und tröstlichen Bilder zu ordnen, um sich Klarheit zu verschaffen und Sicherheit.
Dieses Buch ist der Versuch, das wunderbare unverständliche Leben in Systeme und verschiedene An- und Aufsichten zu gliedern. Systematisches Zeichnen hilft T.S. seine Realität, seine Einsamkeit, seine Hilflosigkeit zu bewältigen. Das Zeichnen ermöglicht ihm eine Reise über 2476 Meilen amerikanischen Bodens, wie sie abenteuerlicher und amerikanischer wohl kaum sein kann. Eine Reise in umkehr der großen Trecks. Der Anruf, den dieses Kind am Anfang der Geschichte erhält, ist der Ruf an ein Gesamtamerikanisches Natur- und Kulturinstitut. Ein hochangesehener Preis erwartet ihn dort und dadurch Ruhm und Anerkennung. Auch, so vermutet dieses sich nach Liebe sehnende Kind, die Anerkennung seines Vaters. Dieser ganze Kerl pflegt eine Abneigung gegen die Zeichnerei seines Sohnes. Und hier, am „Smithsonian“ ist die reine Lehre zu Hause und hier erwartet T.S. die Erkenntnis.
Allein macht er sich als „Schwarzfahrer“ im Güterzug auf eine Reise nach Osten, der Hauptstadt entgegen aber rückwärts in die Vergangenheit. Die Vergangenheit, die sich aus einem der Mutter entwendeten Notizbuch erklärt, wird von einem unendlichen Landschaftsfilm draußen, von ratternden Fahrgeräuschen und ungleichmäßigen Schaukelbewegungen hinterlegt. Diese Reise kostet ihn fast das Leben, hätten ihn nicht tausende von Vögeln, eine Wolke aus Flügeln, Körpern und Schnäbeln gerettet. Verletzt, und wenn es das Letzte ist, was er schafft, aber gefasst und erleichtert betritt er die imposanten Räume der Wissenschaftskathedrale.
T.S. der zwölf Jahre alte, begnadet zeichnende Junge ist angekommen in den heiligen Hallen, in denen sich alle nur flüsternd über wissenschaftliche Themen unterhielten.
Und dann wartet dieser liebenswerte Junge darauf, dass die Welt ihn einholt und aufnimmt. Und das tut sie. Die Realität nimmt von ihm Besitz, erstmals spricht er von seinem toten Bruder, seiner ihn niederdrückenden Schuld. Doch es fehlt die Mutter.
T.S. will sein Bestes geben, will tun, was man von ihm erhofft. Und da wendet sich die Geschichte, wird phantastisch, rast gar zu schnell nach etwa 400 Seiten auf ein Ende in einem Tunnelsystem und einer kryptischen Gesellschaft zu. Ein wenig zu phantastisch, wie ich finde, denn vorher war die Geschichte anrührend erzählt, die Geschehnisse zwar nicht immer vorstellbar, so doch einer eigenen Logik folgend schlüssig. Und dieses begabte einsame Kind muss man einfach mögen. Man folgt gefangen Zeile für Zeile diesen unglaublichen und unterhaltsamen Ideen. Der Weg, den T.S. geht, steht in keiner Landkarte und er führt ihn hinaus ins Licht.
Die Karte meiner Träume von Reif Larsen ist erschienen bei Fischer (ISBN 978-3-596-18444-6) und kostet 12,95 €.
Infos: http://www.fischerverlage.de