Mal wieder steht das letzte Buch von John Irving im Zeichen des Bären. Es ist ein Buch voller Unfälle, voller skurriler Personen, es ist ein Buch über Ängste und Liebe, Liebe vor allem zu den eigenen Kindern, die es auf jeden Fall zu beschützen gilt.
Über 700 Seiten lang erzählt der Meister des prallen Lebens von einem Koch, der bereits 1954 im Alter von 30 Jahren Witwer ist und sich längst mit seinem Schicksal im Holzfäller Camp Twisted River abgefunden zu haben scheint. Mit herzanrührender Hingabe kümmert er sich um seinen zwölfjährigen Sohn. Doch der Alltag in Twisted River ist alles andere als rosig für einen Zwölfjährigen. Die letzte Nacht in Twisted River ist die Nacht, in der Danny, der Sohn des Kochs, die Geliebte seines Vaters und des brutalen Polizisten Carl mit einer Bratpfanne erschlägt. Indianer-Jane ist eine Frau mit riesigem Hinterteil, ausladenden Brüsten und enormer Haarpracht. Danny denkt, als er das Schlafzimmer seines Vaters betritt, sie sei ein Bär. „Nur die Knie und Füße seines Vaters ragten unter dem Bären hervor, und was noch beängstigender war, sie bewegten sich nicht.“ Der Bär verschlang den Vater geradezu.
Vater und Sohn fliehen überstürzt aus Angst vor Constable Carls Rache. Sie wechseln ständig die Wohnorte, Arbeitsstellen und Identitäten. Vater und Sohn ziehen beinahe 50 Jahre durch Amerika, mal landet der Koch Dominic beim Chinesen, mal beim Nobelitaliener. Ständig auf der Flucht vor Constable Carl, der nicht vergisst, und den eigenen Ängsten, springen Vater und Sohn gemeinsam durchs Leben wie Flößer von Stamm zu Stamm. Aber immer wieder beginnt ein neues Leben, werden neue Freundschaften geschlossen. Viel wird über Amerika, das Holzfällen und übers Kochen erzählt. Jeder Flucht folgt eine neue Identität, jedem neuen Rezept ein neuer Rettungsversuch durch Liebe. Großes Glück und tiefer Schmerz begleiten den Koch und seinen Sohn durch Amerika bis nach Kanada. Sie treffen, wie sollte es bei Irving anders sein, unkonventionelle Frauen, die meisten sind riesig, oder manchmal sogar Engel, aber nur manchmal, so wie Lady Sky, eine Nacktfallschirmspringerin.
John Irving offenbarte in einem Interview seine stetige Sorge um die eigenen Kinder, denen jederzeit irgendetwas passieren könnte. Man möchte meinen, er schreibt sich hier diese Angst von der Seele. Und dennoch lautet die Botschaft: Genieß das Leben. Vielleicht weil es voller Unfälle und bald vorbei sein kann. Und für den Vater endet es 47 Jahre nach der Flucht aus Twisted River. Constable Carl tötet seinen einstigen Rivalen um die Bärin. Und Danny, der Sohn des Kochs, wird Schriftsteller und enträtselt unter dem Pseudonym Danny Angel, in Erinnerung an einen tragisch verunfallten Freund, so manches Verhalten und manche Lüge, resultierend aus Schuld. Ketchum, ein ständig nörgelnder und mit der Welt hadernder, doch sehr weiser Trinker, Holzfäller, Freund sowie Beschützer ist die wohl stärkste Figur des Romans. In derbem Ton formuliert der rustikale Mann mit viel Durst seinen Unmut gegenüber der Bush-Regierung. Und da ist es doch gut zu wissen, dass man mit seinen Nöten, Unfällen und Schicksalsschlägen nicht allein ist. „Letzte Nacht in Twisted River“ ist eine Huldigung an die Kraft der Freundschaft, der Liebe und der Literatur. Ein pralles Buch, eine anrührende Fiktion. Info: http://www.diogenes.ch ISBN 978-3-257-06747-7 26,90 €.
Christa Polenz