Vor seinem Tod hatte der ,,Junge vom Kayhauser Moor“ zwei Wildäpfel gegessen. Wissenschaftler der Landeskriminalämter Düsseldorf und Hannover fanden dies heraus. Darüber hinaus entdeckten sie im Darmtrakt des etwa siebenjährigen Jungen Reste von Nahrungspflanzen, vor allem Leinsamen, Rispenhirse, Emmer, Dinkel und Weizen. Der ,,Junge vom Kayhauser Moor“ war nicht irgendein Junge, sondern ein Zeuge aus der Vergangenheit. Denn dieser Junge kam aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. zu uns, dieser Junge ist eine Moorleiche, die am 3. Juli 1922 von Fritz Roggemann beim Torfstich im Kayhauser Moor gefunden wurde und dann auf Umwegen ins Landesmuseum Natur und Mensch nach Oldenburg gelangte.
Das Museum wird 175 Jahre alt und bringt aus diesem Anlass zwei Bücher heraus. ,,O, schaurig ist’s übers Moor zu gehen . . .“ heißt das eine, dass das berühmte Gedicht der Annette von Droste-Hülshoff zitiert. Das andere beschäftigt sich mit den ,,Wiedergängern“ zumeist aus der Eisenzeit und beschreibt die ,,Faszination Moorleichen“, von denen das Landesmuseum fünf erhaltene Exemplare besitzt. Gerade die Moorleichen sind Glücksfälle für die archäologische Forschung, kann sie doch der Geschichte ins Gesicht sehen. Archäologen arbeiten mit Wissenschaftlern anderer Disziplinen zusammen, um die Toten zum ,,reden“ zu bringen. Das geht manchmal schief, wenn zum Beispiel ein Hund über die Moorleiche läuft und das Gesicht des Eisenzeitmenschen ,,zerfällt“.
Sind die Moorleichen im Moor bestattet, geopfert oder hingerichtet worden? Vermutlich sind alle Fälle möglich. Jede Moorleiche muss gesondert untersucht und ihre individuellen Fundumstände gedeutet werden. Sie sind im Moor so gut konserviert, dass über die Nahrung dieser eisenzeitlichen Menschen, über Kleidung, über Krankheiten Erkenntnisse gewonnen werden können.
Das Buch vermittelt spannend und wissenschaftlich genau diese ,,Faszination Moorleichen“.
Der etwas umfangreichere Band übers Moor behandelt sehr umfangreich die Erforschung der historischen Bohlenwege, die ein Fortkommen in dieser eigentlich menschenfeindlichen Umwelt möglich machten. Dabei fanden die Archäologen Reste von Wagen, Karren, Einbäumen, Geschirren, Gewandspangen, Mänteln, Schuhen und schließlich den Menschen selbst. Straßenbau während der Eisenzeit, die Technik der vorrömischen und römischen eisenzeitlichen Menschen, um das Moor zu bewältigen, war enorm.
Ich empfehle den Museumsbesuch und den Kauf dieser beiden lesenswerten Bände.
Harald Polenz
Infos:
Mamoun Fansa/Frank Both
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehen
220 Jahre Moorarchäologie
Philipp von Zabern
ISBN 978-3-8053-4361-9
Preis: 29,90 €
Mamoun Fansa
Faszination Moorleichen
Philipp von Zabern
ISBN 978-3-8053-4360-2
Preis: 19,90 €