Als ich an einem Wintermorgen vor einigen Jahren aufwachte und aus dem Fenster auf die Felder ringsum schaute, sah ich hunderte von schwarzen Vögeln. Stumm saßen sie auf dem bereiften Boden, auf Obstbäumen und Zaunpfählen. Es waren Saatkrähen, die aus den Weiten Rußlands zu uns herübergezogen waren, weil in unseren Breiten trotz eisiger Kälte das Narungsangebot besser war, als das des tiefgefrorenen Rußlands. Ich öffnete das Fenster und hörte die leisen Geräusche der Saatkrähen, das Krähengeschwätz.
Mit Krähenvögeln hatte ich meine eigenen Erfahrungen gemacht. Die bei uns heimischen Rabenkrähen flogen in der Dämmerung als große, dunkle Wolke Formation über dem Dorf. Dabei riefen sie sich unverständliches Zeug zu. Eine Zeit lang ging das so, dann ließen sich die schwarzen Vögel auf ihren Schlafbäumen nieder und der Spuk war vorbei. Ich denke, bei genauerem Zuhören wäre die eine oder andere Botschaft zu verstehen, das Krähengeschwätz zu deuten gewesen. Sarah Kirsch neuer Band heißt – nach ihrem Gedicht, das sie unter dem 9. Februar1987 notiert - ,,Krähengeschwätz“. Es sind Nachrichten aus Thielenhemme auf Eiderstedt, in das die Welt tropfenweise einsickert, in einem Ton, der wohlbekannt und den Peter Hacks mal den ,,Sarah-Sound“ nannte.
Die Tagebuchaufzeichnungen aus den Achtzigern beschäftigen sich mit (Seelen)Landschaften, dem Garten, den Tieren und den Menschen. Es erinnert an die Arbeit der Droste, der sich Sarah Kirsch wie eine Schwester verbunden fühlt. Das Rüschhaus, den Alterswohnsitz der Droste, nennt sie im waschechten Krähendialekt (31. Januar 1987) ,,das schönste Haus der Welt“, durch das ,,heutzutage die Autobahn“ führt. Von einer anderen Lesereise (23. März 1987) nach Kiew erzählt sie von rührenden Kollegen, besonders von einem ,,der mit seinen Kindern die verstrahlten Äpfel teilt“. Nur vier Zeilen zuvor schwärmt sie vom ,,Moorgeschrey und Lerchengedröhn“. Immer wieder bricht des ,,Grauens Süße“ (Droste) auf den 176 Seiten in das Wohlgefühl des Behütetseins ihres Zuhause auf Eiderstedt ein.
Frei von jeder Grammatik, oft so geschrieben wie gesprochen, wenn es ganz hart kommt, auch in Mundart oder im Schnodderton, so verwebt Sarah Kirsch feingesponnene Sprachmelodien zu einem grandiosen Aquarell. Der Leser beginnt sich wohlzufühlen im Krähensound (die Krähe ist biologisch mit der Nachtigall näher verwandt, als mit Hühnern und Tauben), er reibt traumverloren die Wange am mondbeschienen Fenster des Schulhauses in Thielenhemme, da lässt Loulou die Katze das Bein eines Meisenjungvogels auf der Szene zurück: ,, . . . höre die sturmgeschüttelten Bäume anklopfen um abgefallene Blätter“. Das Grauen befindet sich ständig in der Nähe, um Kratzer auf dem Mondfensterglas zu hinterlassen.
Sarah Kirsch würde bei uns in Westfalen eine Spökenkiekerin genannt. Ihr Schriftstellerkollege Franz Führmann sprach eine Warnung vor der Kirsch-Lektüre aus:. ,,Wir betreten Zaubergelände. Der Wanderer wappne sich gegen Magie.“ Vor vielen, vielen Jahren weilte ich einige Tage auf der Hallig Langeneß, die vormals ,,Nordmarsch“ hieß und dort fiel mir der Nachdruck des Buches ,,Genaue Beschreibung der wunderbaren Insel Nordmarsch“ von 1749 in die Finger. In dem Buch erzählt Lorenz Lorenzen von Blutregen, feurigem Glanz auf Wasser und Land und anderen merkwürdigen Dingen auf der Hallig. Bei Sarah Kirsch las ich irgendwo, dass sie ebenfalls den Merkwürdigkeiten des Lorenz Lorenzen von Langeneß verfallen war. Krähengeschwätz allenthalben, das ,,die Tintenzüge aus meiner Feder / mit ihren Füßchen und Krönchen / Fallen her übers weiße Papier / Krächzen wie Raben“(17. Januar 1987).
Sarah Kirsch ist unter den deutschsprachigen Autoren und Autorinnen wohl die einzige Zeichendeuterin, eine Art Augurin, die aus Vogelflug, Rosenblüten, aus dem Krähengeschwätz, im Zwiegespräch mit ihrem Esel und den Schafen (das mit großer Kenntnis, denn die Schriftstellerin ist ausgebildete Biologin) herauszufinden versucht, was sie hier auf der Welt zu suchen hat, was wir hier auf der Welt eigentlich sollen.
Weitab von der Welt, wo sie ,,auf Binsen wie auf Seide“ schläft, lebt Sarah Kirsch, fährt nicht mehr zu Lesungen und zu Interviews; aber sie schreibt. Und das ist gut. Mir würde etwas fehlen. Sarah Kirsch, Glückwunsch zum neuen Buch und zum Siebzigsten.
Harald Polenz
Info:
Sarah Kirsch
Krähengeschwätz
Deutsche Verlagsanstalt dva
Preis. 17,95 €
ISBN 978-3-421-04451-8
http://www.dva.de