Die Bewohner des Dorfes am See steckten alles weg: Den Krieg, das Konzentrationslager und ihre Insassen, die wie Gespenster durch die unmittelbare Nachkriegszeit geistern, können den Dörflern und ihrem Seewirt nichts anhaben. Sie erreichen scheinbar unbeschadet die Gegenwart. Scheinbar? Unter der schlichten Oberfläche brodelt es. Nicht mehr die Juden, über die nach wie vor nur dieses Mal heimlich im Wirtshaus Witze gerissen werden, sondern die Flüchtlinge sind die neuen Aussätzigen.
Josef Bierbichler stammt genau aus diesem Milieu. Als Sohn der Seewirtschaft am Starnberger See ging er irgendwann zur Schauspielschule. Im Theater konnte er dann seine kleinbäuerlichen Komplexe als Realität verkaufen. Josef Bierbichler, die Kante aus dem deutschen Gebirge, kann sehr sensibel schauspielern, auf der Bühne und im Film.
Im Buch ,,Mittelreich“ lässt er es an Feinfühligkeit nicht mangeln, arbeitet sich aber auch mit deftigen Bildern an der deutschen Geschichte ab. Da besäuft sich der Dorfmetzger und weiß, dass er ,,heute noch“ etwas töten muss. Beim Seewirt steht noch ein zu schlachtendes Schwein auf der Bestellliste. Als er die die Axt mit der stumpfen Seite so kräftig in seinem Rausch schwingt, um die Sau in den Wurst-Schinken-Zustand zu befördern, scheißt er sich in die Krachlederne.
Die Heimat als Saustall und Bierbichler mistet aus. Eine lesenswerte Familiensaga, ein deftiger Roman.
Josef Bierbichler:
,,Mittelreich“
Suhrkamp-Verlag, Berlin
Preis: 22,90 €
http://www.suhrkamp.de
Zum Buch empfehlen wir einen Riesling vom Weingut Franzen in Bremm an der Mosel. Die Weine werden von uns empfohlen unter
http://www.koestlichkeiten.de/franzen-weingut-calmont.html