Die Typographie der ,,Gebrannten Möhre", oder . . . | 
|  Außergewöhnliche Rezepte, außergewöhnlich schön verpackt: Doppelseite aus der ,,Gebrannten Möhre".
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. . . guten Appetit Gutenberg
Was hat ein Spitzenkoch aus Mainz mit Johannes Gutenberg zu tun, was die Koch- mit der Buchdruckerkunst? Nun, zweimal taucht das Wort ,,Kunst" auf, sowohl beim Kochen als auch beim Buchdruck. Wenn Sternekoch Dirk Maus ein außergewöhnliches Kochbuch in der Stadt Gutenbergs schreibt, dieses Kochbuch über eine außergewöhnliche Typographie und Drucktechnik verfügt, dann gehen hier der gute Geschmack zum einen und zum anderen die Typographie eine Synthese ein. Mir fällt neben dem Kochbuch ,,Gebrannte Möhre" noch ein weiterer Titel ein, den es vorzustellen lohnt: ,,Das Buch vom Buch", ediert von der Schlüterschen Verlagsgesellschaft Hannover. Beide Werke, das Buch von der Kusnt des Kochens und das von der schwarzen Kunst des Buchdrucks, finden Berührungspunkte über einen Gourmet. Die ,,Gebrannte Möhre oder die Küche der Leidenschaft" erhält die Auszeichnung ,,Gourmand World Cookbook Award 2009" und ist nominiert für die Kochbuchweltmeisterschaft 2010 in Paris.
Kochen, ein ganzheitliche Leidenschaft
Schon für Jean-Anthèlme Brillat-Savarin, den Vater der französischen Feinschmeckerei, braucht es nicht viel zum Glücklichsein: Eine Horaz-Ausgabe in der Hand, ein schlichtes Abendessen und in Gedanken eine ,,pikante Plauderei" mit dem römischen Dichter. Dazu braucht es warhlich nicht viel und doch so viel. ,,Ein gutes Huhn, eine kleine Ziege (gewiss hübsch fett), dann Trauben, Feigen, Nüsse als Dessert." Da wäre die Beziehung Buch und köstliches Essen, literarische Neigung und Kochkunst aufs Trefflichste hergestellt.
Für Dirk Maus, jenen begnadeten Maitre aus dem Mainzer ,,Maus im Mollers", ist kochen eine ganzheitliche Leidenschaft. Seinen Köchen rät er: ,,Geht raus zu den Menschen, auf Märkte, zu den Fischhändlern, zum Gemüsestand, sprecht mit Metzgern und Jägern - ihr müsst spüren, erleben, fühlen, riechen, schmecken. Ihr sollt wissen, welche Frucht in welcher Saison das beste Geschmackserlebnis garantirt." Jean-Anthèlme könnte diese Berufsmaxime in sein berühmtes Buch ,,Die Psychologie des Geschmacks" geschrieben haben.  | 
|  Doppelseite aus ,,Buch vom Buch" zur Geschichte der Schrift und der Buchdruckerei.
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Bevor Dirk Maus und sein Verleger Michal Bonewitz den Lesern ihres Erstlings die ,,Praline vom Kalb" oder mit ,,Koriander gebeizten Thunfisch in Erdnusspesto in brillanten Farben der neuen Novaspace-Drucktechnik servieren, erinnern sie sich des großen Sohns der Stadt, der mit beweglichen Lettern, Einzelbuchstaben aus Blei, die ständig wieder gebraucht werden konnten, die Herstellung von Büchern revolutionierte. Johann Gensfleisch zum Gutenberg nahm eine Weinpresse, baute sie um und druckte damit nicht nur die berühmte 42zeilige Bibel, sondern auch eines der ersten deutschen Kochbücher. Wie beziehungsreich: Die Weinpresse keltert in diesem Fall nicht den Riesling oder den Gewürztraminer, sondern die Gedanken der Autoren und macht sie für jedermann lesbar.
Die Leistung des Autors ist der des Winzers vergleichbar, der die durch Klima und Terroir gebildete Traube in seinen Keller holt und dort veredelt zu dem, was uns im Glas oftmals als Offenbarung erscheint. Es tun sich so viele Bezüge zwischen Büchern, Schriftstellern, Typographen, Druckern und der Kunst des Essens auf, das einem das Wasser im Munde zusammen läuft. ,,Guten Appetit, Gutenberg", möchte man da rufen, zumal das Werk über die Geschichte der Buchkunst vom verstorbenen Typomanier Hans-Peter Willberg gestaltet wurde.
Nach Gisèle Harrus-Révidi, die ein Buch über die Kunst des Genießens geschrieben hat, gibt es eine enge Beziehung zwischen Feinschmeckerei und Sprachliebhaberei. Sie verweist auf den König der Feinschmecker, auf Brillat-Savarin, der stolz zu berichten wusste, fünf oder sechs Fremdsprachen zu beherrschen. Er begehrte ,,das Wort, wie er Trüffel, ein Thunfischomelett oder ein Fischragout begehrte". Ein anderer Franzose, Feinschmecker wíe Brillat-Savarin, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, einen kulinarischen Stil zu schaffen, der die Kochkunst mit der Schrift verbindet. Für Grimod de la Reynière sind Gabel und Schreibfeder Attribute, die von einem Feinschmecker nicht wegzudenken sind. In der Schrift werde ein ständiger metaphorischer Bezug zwischen Essen und Schreiben hergestellt.  | 
|  Bleibuchstaben aus der Gutenbergära und die hohe Kunst des Genießens gehen eine Synthese ein.
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,,Gebrannte Möhre" wird im gleichnamigen Buch zur Komposition, ähnlich einer Seite aus der Weingartner Liederhandschrift, prachtvolles Beispiel mittelalterlicher Buichmalerei aus 5000 Jahren Buchgeschichte in ,,Das Buch vom Buch".
Beide Bücher lege ich den Feinschmeckern ans Herz, sie zu genießen bei einem Glas trocken ausgebauten Rieslings von der Mosel, aus dem Rheingau oder aus Baden.
Harald Polenz
Gebrannte Möhre
oder die Küche aus Leidenschaft
Bocom-Verlag Bonewitz
ISBN 978-3-9811590-9
http://www.bonewitz.de
Das Buch vom Buch
Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co KG
Hannover
ISBN 978-3-89993-805-0
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